Die Weichtiere des Jahres seit 2003
Am 21.September 2002 wurde in Erding bei München das Kuratorium
"Weichtier des Jahres" gegründet. Durch Pressearbeit, Internetpräsenz
und einem DIN A 4 Faltblatt soll jedes Jahr ein Weichtier des Jahres
vorgestellt werden.
| Jahr |
Deutscher Name |
wissenschaftlicher Name |
| 2003 |
Bauchige Windelschnecke |
Vertigo moulinsiana |
| 2004 |
Gemeine Kahnschnecke |
Theodoxus fluviatilis |
| 2005 |
Tigerschnegel |
Limax maximus |
| 2006 |
Gemeine Flussmuschel |
Unio crassus |
| 2007 |
Maskenschnecke |
Isognomostoma isognomostomos |
| 2008 |
Das Mäuseöhrchen |
Myosotella myosotis |
| 2009 |
Husmanns Brunnenschencke |
Bythiospeum husmanni |
| 2010 |
Gemeine Schließmundschnecke |
Alinda biplicata |
| 2011 |
Die Zierliche Tellerschnecke |
Anisus vorticulus |
| 2012 |
Die Schlanke Bernsteinschnecke |
Oxyloma elegans |
Das Kuratorium "Weichtier des Jahres" hat für 2011
Die Zierliche Tellerschnecke ausgewählt, einem
Nahrungsspezialisten.
Seit 2004 gehört diese kleine und unauffällige Süßwasserschnecke zu
den europaweit geschützten Arten. Im Rahmen der Erweiterung der EU wurde
sie in die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie aufgenommen. Weil sie daher
intensiv erforscht und ihre Lebensräume europaweit geschützt werden
müssen, die Art in der Öffentlichkeit aber weitgehend unbekannt ist,
wurde sie als Weichtier des Jahres ausgewählt.
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Anisus vorticulus gehört zur Familie der
Tellerschnecken (Planorbidae), von der in Deutschland aktuell 24
Arten vorkommen. Fünf dieser Arten gehören zur Gattung
Anisus. Die seltene Zierliche Tellerschnecke
ist dabei allerdings nur mit der häufigen und weit verbreiteten
Scharfrandigen Tellerschnecke Anisus vortex
zu verwechseln. Diese unterscheidet sich durch eine
scharfkantige, meist randliche Schulter des Umganges, während
Anisus vorticulus eine mittig auf dem Umgang
ausgebildete stumpfe Schulterkante aufweist. Diese Schulter ist
oft durch einen schwachen Hautsaum verstärkt, der aus der
organischen Schalenhaut (dem so genannten Periostrakum) gebildet
wird. Dieses besteht aus dem hornähnlichen Conchiolin, der Rest
des Gehäuses aus Kalk.
Das Gehäuse der Zierlichen Tellerschnecke ist meist 4 - 5 mm
breit (sehr selten bis 8 mm) und 0,5 - 0,8 mm hoch. Weil die 5
-6 Umgänge flach in einer Ebene aufgewunden sind, ist die
Drehrichtung auf den ersten Blick nicht erkennbar. Erst die
Anatomie der Tellerschnecken zeigt, dass ihre Gehäuse
linksgewunden sind. Die Umgänge sind durch eine tiefe Naht
getrennt, sie wachsen sehr regelmäßig und werden ganz allmählich
größer. |
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Gehäuse der
Zierlichen Tellerschnecke (5 mm) |
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Beim kriechenden Tier ist die funktionelle Oberseite des Gehäuses mehr
oder weniger flach, die Unterseite etwas konkav (Krümmung). Die Farbe des Gehäuses
ist hell bräunlich oder gelblich, die glatte und mikroskopisch fein
spiralgestreifte Gehäuseoberfläche ist allerdings oft mit
charakteristischen Verkrustungen (meist aus Eisenverbindungen) bedeckt.
Der Tierkörper ist meist dunkel- bis hellgrau gefärbt, die lebenden
Tiere wirken dunkler als Anisus vortex. Das rote,
hämoglobinhaltige Blut der Tellerschnecken scheint weniger auffällig
durch die Haut als bei manchen anderen Vertretern der Familie. Der
Kriechfuß der Tellerschnecken ist im Verhältnis zum Gehäuse sehr klein,
dennoch kann das Tier damit geschickt zwischen den Stängeln und Blättern
von Wasserpflanzen herumkriechen oder an der Wasseroberfläche flottieren.
Die beiden Fühler sind wie bei den anderen Tellerschnecken fadenförmig,
die Augen sitzen - wie bei allen basommatophoren Schnecken - zwischen
ihnen an der Fühlerbasis.
| Anisus vorticulus ist vermutlich ein
Nahrungsspezialist. Die Art frisst offenbar mikroskopisch
kleine Algen, die als Aufwuchs auf lebenden oder toten
Pflanzen oder anderen organischen Materialien leben. |
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Lebendfoto von der Zierlichen Tellerschnecke |
Zierliche Tellerschnecken sind Zwitter. Meist findet eine gegenseitige
Befruchtung statt, es ist aber auch Selbstbefruchtung möglich. Paarungen
wurden bei Tieren mit mindestens 2,5 mm Gehäusedurchmesser beobachtet,
was bedeutet, dass die Tiere deutlich vor Erreichen ihrer Maximalgröße
geschlechtsreif werden. Die Lebensdauer der Tiere beträgt etwa
eineinhalb Jahre. Sie legen im Frühling und Sommer mehrmals Eier ab,
jeweils in einer eineinhalb Millimeter großen ovalen Eikapsel, die meist
4-5 (auch bis 10) gut einen halben Millimeter große Eier enthält. Im Ei
entwickelt sich das Tier bis zur fertigen kleinen Jungschnecke mit
Gehäuse. Nach dem Schlüpfen wächst das Tier schnell und erreicht
innerhalb von ungefähr drei Monaten 4 mm Größe. Die im Frühling
geschlüpften Jungtiere können also schon im Sommer selbst Eier legen und
die überwinterten Erwachsenen pflanzen sich im nächsten Jahr ebenfalls
noch fort. Eiablage und Entwicklung sind temperaturabhängig. In sehr
warmen Jahren wurde nachgewiesen, dass sich die Tiere offensichtlich
noch im November fortpflanzten. Es wurde allerdings auch beobachtet,
dass sich nicht alle abgelegten Eikapseln entwickeln. Außer über
die Entwicklungsbiologie der Art ist noch nicht viel bekannt,
ebenso bleibt es trotz verschiedener aktueller Untersuchungen und einer
genaueren Kenntnis der besiedelten Biotope schwierig, die entscheidenden
Bedingungen für das Vorkommen von Anisus vorticulus allgemein zu
benennen.
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Die natürlichen Lebensräume der Zierlichen Tellerschnecke
sind wahrscheinlich Flussauen und Seen. Hier besiedelt sie mehr
oder weniger vom Hauptstrom abgetrennte, klare,
wasserpflanzenreiche Altwässer, strömungsberuhigte Zonen, bzw.
in Seen den Röhrichtgürtel oder Verlandungsbereiche. |
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Altwasser
als Lebensraum der Zierlichen Tellerschnecke |
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Historisch kannte man auch Vorkommen in größerer Wassertiefe in
unterseeischen Wiesen. Diese Populationen gibt es möglicherweise heute
nicht mehr, weil die Biotope durch Eutrophierung (d.h. die
Anreicherung von Nährstoffen in einem Ökosystem durch Überdüngung bzw.
Überernährung der Pflanzen und anderer aktiver Organismen, z.T. durch
den Menschen verursachte Erhöhung des Nährstoffangebotes besonders von
Nitrat und Phosphat) gefährdet sind. Nasse Kalkflachmoore sind in
Nordostdeutschland ebenfalls Lebensräume der Zierlichen Tellerschnecke.
In der jetzigen Kulturlandschaft findet die Art in Gräben und selten
auch in künstlich geschaffenen Stillgewässern wie aufgelassenen
Torfstichen oder Tongruben Ersatzbiotope, wenn sich diese über lange
Zeiträume naturnah entwickelt haben und somit den hohen
Lebensraumansprüchen der Zierlichen Tellerschnecke genügen. Die höchsten
Populationsdichten mit mehr als 1.000 Tieren pro Quadratmeter findet man
in sonnendurchfluteten, pflanzenreichen Flachwasserbereichen, die
allerdings nicht zu nährstoffreich sein dürfen. Die Tiere bevorzugen
dabei die Zonen in Oberflächennähe und leben in der Vegetation.
Bezüglich der Wasserführung ist die Art sehr tolerant, erträgt aber kein
längeres völliges Austrocknen und keine Versalzung oder Brackwasser im
Küstenbereich.
Die unter Artenschutz stehende Zierliche Tellerschnecke kommt von
England bis Westsibirien vor. In Deutschland ist sie als "Vom
Aussterben bedroht" eingestuft und hat ihre
Verbreitungsschwerpunkte in den wenigen verbliebenen naturnahen
Bereichen der Auengebiete von Elbe, Rhein und Donau sowie in den
norddeutschen Seen und Sumpfgebieten. Sie tritt oft in
charakteristischer Gemeinschaft mit weiteren seltenen und bedrohten
Weichtierarten wie der Schönen Zwergdeckelschnecke (Marstoniopsis
scholtzi), dem Flachen Posthörnchen (Gyraulus riparius) oder
der Flachen Erbsenmuschel (Pisidium pseudosphaerium) auf.
In ihren Lebensräumen wurde sogar mehrfach die Mantelschnecke (Myxas
glutinosa) gefunden. Aufgrund der komplexen Ansprüche der Zierlichen
Tellerschnecke ist die möglichst ungestörte und naturnahe Erhaltung
ihrer Habitate die beste Schutzstrategie, von der gleichzeitig die
gesamte Begleitfauna profitiert.
Vielen Dank an Herrn Dr. Vollrath Wiese - Haus der Natur, Cismar -
für den überlassenen Pressetext und die Erlaubnis die Bilder von Frau
Dr. Ira Richling veröffentlichen zu dürfen!
Wenn Sie mehr über dieses interessante Fachgebiet wissen
möchten:
www.mollusca.de
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