Die Algen des Jahres seit 2007
Die Sektion Phykologie (Algenkunde) der Deutschen
Botanischen Gesellschaft (DBG) e.V. küren alljährlich die "Alge des
Jahres". Sie möchten damit auf die Bedeutung der Algen hinweisen, die
das Treibhausgas Kohlendioxid verbrauchen und die wichtigsten
Sauerstoff-Produzenten der Erde sind.
| Jahr |
Alge |
| 2007 |
Der Seetang |
| 2008 |
Die Zieralge Micrasterias |
| 2009 |
Emilinania huxleyi |
| 2010 |
Die Froschlaichalge |
| 2011 |
Die Kieselalge |
Sie liebt das Extreme: Die Kieselalge
Algenforscher der Sektion Phykologie haben die Kieselalge (Fragilariopsis
cylindrus) zur Alge des Jahres gewählt. "Sie fasziniert uns, weil
sie im Eis der Polarmeere, einem der extremsten Lebensräume der Erde,
überlebt und sich dort sogar vermehrt", begründet Prof. Dr. Peter Kroth
von der Universität Konstanz die Wahl. Peter Kroth ist Sprecher der
Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft (DBG), in der
die Algenforscher organisiert sind.
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Wenn Seegang im Südpolarmeer die Eisschollen in Stücke
bricht und umkippt, kommt die braune Unterseite zum Vorschein.
Dort beginnen sich im Frühjahr Kieselalgen wie
Fragilariopsis stark zu vermehren und färben das Meereis
braun, wie im abgebildeten etwa zwei Meter langen Eisstück. |
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Ein Leben im
Eis - die Kieselalge |
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Fragilariopsis cylindrus lebt im Eis des Nord- und Südpols und treibt
manchmal auch im offenen Meerwasser. Sie besiedelt die kleinen Kanäle,
die entstehen, wenn das Meerwasser gefriert.
In diesen Eiskanälen herrschen Salzgehalte bis zur vierfachen
Meerwasserkonzentration, die das Wasser auf bis zu minus 30 Grad Celsius
abkühlen. Und es ist mehr als zwei Monate absolut dunkel. Um als Alge in
dieser Salzlake zu überleben, müssen sich die Zellen vor dem Einfrieren
schützen, Salz tolerieren, und eine Zeit überstehen, in der sie keine
Energie gewinnen können. "Wenn das Licht im Polarwinter fehlt, ist keine
Photosynthese mehr möglich", erklärt Kroth. "Wir Biologen fragen uns,
mit welchen Mitteln und Methoden sie sich an diesen lebensfeindlichen
Ort angepasst haben.
Eisalge überlebt bei Kerzenschein und Dauerfrost in einer Salzlake
Algenforscher auf der ganzen Welt arbeiten dazu auch mit dem vor
kurzem veröffentlichten Genom dieser Alge. Erste Unterschiede in der
Erbsubstanz haben sie schon entdeckt: "Die Basen Adenin und Thymin
kommen viel häufiger vor, als in zwei verwandten Algen", freut sich Dr.
Thomas Mock, der die internationale Forschergruppe leitete, die drei
Jahre die Erbsubstanz am Joint Genome Center (JGI) in Walnut Creek in
Kalifornien sequenzierte. "Welche Bedeutung das für Fragilariopsis
hat, untersuchen wir gegenwärtig", sagt Mock. Ihn fasziniere vor allem,
dass die Eisalge selbst bei minus 15 Grad noch aktiv bleibt und
geringste Lichtintensitäten nutzt, quasi mit Kerzenlicht überlebe, mit
dem Landpflanzen keine Energie gewinnen könnten.
Die Kieselalge Fragilariopsis cylindrus lebt in
kleinen Kanälen, die entstehen, wenn Meerwasser gefriert. An
diesem extremen Ort herrschen Temperaturen bis minus 30 Grad
Celsius.
Salzgehalte bis zur vierfachen Meerwasserkonzentration und im
Winter fehlt Licht. Um in dieser Salzlake zu überleben, mussten
die Kieselalgen Frostschutz, Salztoleranz und eine effiziente
Photosynthese erfinden.
Genau das macht sie für Forscher so interessant. |
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Eisalge
überlebt bei extremsten Bedingungen |
Fragilariopsis gestaltet ihren Lebensraum
Mock untersuchr gerade in einem internationalen Team 15 Gene einer
neuen Klasse von Eiweißen, die die Algen vor dem normalerweise tödlichen
Einfrieren bewahren. "Einige dieser Gefrierschutzproteine setzten zwar
den Gefrierpunkt des Meerwassers geringfügig herab. Bedeutender ist aber
die Fähigkeit einiger Proteine, Eiskristalle so zu verformen, dass sie
der Alge nichts mehr anhaben können. Fragilariopsis scheint also
ihren Lebensraum aktiv zu ihren Gunsten zu verändern", schwärmt der
deutsche Forscher Mock, der an der University of East Anglia im
britischen Norwich forscht und lehrt.
Im Eismeer erfüllt Fragilariopsis zwei wichtige Funktionen. Sie
wächst an der Unterseite des Eises und wird dort vom Krill abgeknabbert,
kleinen Krebsen und deren Jungtieren. Krill wiederum ist die Nahrung für
Fische und Wale. Die Eisalgen haben also eine Schlüsselposition an der
Basis des Nährstoffkreislaufes im Ozean inne.
Neben der Produktion von Biomasse setzen die Algen auch Sauerstoff frei,
ein Prozess, den die Biologen Primärproduktion nennen. Gemeinsam mit
anderen Kieselalgen liefern sie den Sauerstoff für jeden fünften
Atemzug, den wir machen. Kieselalgen tragen damit ebensoviel zur
globalen Primärproduktion bei wie alle Regenwälder der Erde zusammen.
Wenn im Zuge der Klimaerwärmung das Eis schmilzt, werden auch die großen
Populationen von Kieselalgen betroffen sein.
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Neun Fragilariopsis cylindrus Algen liegen
nebeneinander. Jede der Zellen enthält zwei Chloroplasten, in
denen sie durch Photosynthese Energie gewinnen. Das
Lichtsammelpigment Fucoxanthin färbt die Chloroplasten braun. |
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Lichtmikroskopische Aufnahme |
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Modellorganismus der Polarregion
Fragilariopsis cylindrus ist das erste höhere Lebewesen der
Polargebiete, dessen Erbsubstanz inzwischen sequenziert ist und die Mock
nun mit mehr als zwei Dutzend Forschern aus der ganzen Welt weiter
untersucht. Die Wissenschaftler haben deren Sequenzierung
vorangetrieben, weil die Alge das Zeug zum Modellorganismus hat: Sie ist
eine der häufigsten Kieselalgen in den Ökosystemen beider Pole.
Gleichzeitig lässt sie sich gut im Labor kultivieren, um herauszufinden,
wie die Erbinformation physiologische Fähigkeiten beeinflusst. So können
auch erhöhte Kohlendioxidkonzentrationen und die damit einhergehende
Versauerung der Meere im Labor simuliert werden.
Wie alle Kieselalgen sind Fragilariopsis quasi unsterblich, da sie
sich vorwiegend ungeschlechtlich vermehren, also immer wieder teilen
können. Im polaren Winter dauert ein Zellteilungszyklus wegen der
herabgesetzten Stoffwechselaktivität und dem Lichtmangel ein bis zwei
Monate. Unter optimalen Laborbedingungen teilen sich Fragilariopsis
dagegen alle zwei Tage, berichtet Mock.
| In der Aufsicht auf ein Schalenpräparat zweier
Fragilariopsis cylindrus erscheint das charakteristische
Schalenmuster, das die Forscher zur Artbestimmung der Algen
heranziehen. Für den Aufbau der Schalen aus Siliziumdioxid
interessieren sich auch Physiker und Biotechnologen. |
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Das
charakteristische Schalenmuster von Fragilariopsis |
Gespannt auf neue Genomdaten
Um die Anpassungen der Alge Fragilariopsis cylindrus an das Leben im
Eis zu verstehen, sequenzieren Mock und seine Kollegen nun auch die
Erbsubstanz der verwandten Fragilariopsis kerguelensis am GenePool
Genomzentrum in Schottlands Edinburgh.
Das Ergebnis erwarten auch Biotechnologen und Physiker mit Spannung,
die sich für den Aufbau der Silikat-Schalen interessieren. Mock und sein
Team interessiert sich für die nahe verwandte Alge, weil sie ebenfalls
im Polargebiet lebt, aber ausschließlich im offenen, etwas wärmeren
Wasser treibt.
Vom Vergleich der Genome beider
Arten erhofft sich der Algenforscher weitere
Antworten auf die Anpassungsstrategien der Alge Fragilariopsis
cylindrus an das Leben im Eismeer. "Das Unsichtbare sichtbar zu
machen", reizt Mock. "Dass so ein einfacher Organismus derart schön und
so komplex ist, begeistert mich".
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In der elektronenmikroskopischen Seitenansicht misst
die Schale einer Fragilariopsis cylindrus etwa 15 um.
Drei Algen aneinandergereiht passen also in den Durchmesser
eines Haares. |
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Elektronenmikroskopische Seitenansicht |
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Vielen Dank an Frau Dr. Johanna Knappe von der Universität Marburg
für die Erlaubnis den Pressetext sowie die Bilder zu zeigen.
Text von: Dr. Esther Schwarz-Weig
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